Rezension von Professor Drost

Andreas Meyer, Zwei Orientreisende auf der Suche nach dem wahren Selbst. Théophile Gautier und Gérard Nerval. Aachen, Shaker Verlag 2016

Rue Vieille Lanterne, 1855

Allegorie auf den Tod Nervals. Litographie von Gustave Doré

Im Nachruf auf Nerval erinnerte sich Gautier an ihre brüderliche Arbeit für das Bien Public und verglich sie mit dem Zwillingspaar Castor und Pollux. Manchmal zeichneten sie gemeinsam ihre Artikel mit GG für Gautier-Gérard. Ihr Oeuvre ist von Themen durchzogen, die sie beide bewegten: von der Welt des Traumes, der Bedeutung der Seele, der Suche nach dem wahren Selbst, Seelenwanderung, Doppelgängertum. Es ist das Verlangen nach Spiritualität inmitten einer dem Materialistischen zugeneigten Gesellschaft.

Der Autor, selbst Therapeut und wissenschaftlich tätig in breitgefächerten Publikationen im Gebiet der Psychologie sowie der Kulturwissenschaft insbesondere des 19. Jahrhunderts, dem Dekadentismus und fin de siècle, stellt die beiden Autoren in den größeren Zusammenhang und hebt insbesondere die Weg bereitende Tätigkeit des Erzählers Gautier für die Moderne hervor. Das Buch ist angenehm zu lesen und sehr nützlich als Einführung in die obengenannten Probleme durch die Zusammenfassung der relevanten Textpartien, die recht ausführlich zusammengestellt sind. Gelegentlich hätte der neugierige Leser noch weitere spezifisch psychologische Interpretationen vom Verfasser gewünscht.

Für Nerval, den erfolgreichen Übersetzer von Goethes Faust, war die Orientreise eine alternativlose Notwendigkeit, um seine Existenz gesellschaftlich und literarisch zu rehabilitieren. Griechenland als Ursprung der westlichen Kultur und als Sehnsuchtsland brachte beiden Reisenden bei ihrer Erkundungsfahrt Enttäuschung, Desillusionierung, hatte aber doch für sie eine „therapeutische und verklärende Wirkung“, wie es Hofmannsthal als allgemeine Erkenntnis für die Erfahrung der Orientreisenden formulierte. Beide Dichter hielten in ihrem Glauben an die ästhetische Idealwelt fest: der Orient wird „zur imaginierten Welt des ästhetischen Scheins im Sinne einer Kunstreligion.“ In der Suche nach dem wahren Selbst kommt es zu einem Feindbild des Europäers, als Gegensatz zum „idealistisch-romantischen Orientbild“. Die freiheitliche auf das Individuum konzentrierte griechische Kunst erfährt eine Umwandlung zum „idealistisch-romantischen Orientbild“. Nach der Orientreise beschäftigte Gautier sich mit dem Mysterienkult des Freimaurertums und des Illuminismus“. Meyer zitiert Nietzsche, der den „Ästhetizismus als sinnstiftende Tätigkeit“ betrachtete und der damit auch Gautiers l’art pour l’art als „Herrschaft über ein an sich geistloses und zweckloses Leben“ hinstellte.

Meyer stellt eine aufschlussreiche Perspektive her, die Gautier mit Nietzsche und den deutschen Philosophen mit Freud verknüpft: Gautier thematisierte die Suche nach der Seele und dem Geist durch die Sinneswahrnehmung und lieferte damit Grundbegriffe, die in seinem Todesjahr 1872 von Nietzsche mit seiner Kunstpsychologie in der Geburt der Tragödie aufgegriffen und im Todesjahr des Philosophen von Freud in der Psychoanalyse fortgeführt wurden. Am Ende seines Buches geht der Verfasser sehr einleuchtend auf Oscar Wilde ein, der die emanzipatorische Rolle der Kunst betont, und den Ästhetizismus als eine im Leben sinnstiftende Kraft betrachtet. Gautier wird als Vordenker und Vorbereiter der literarischen Avantgarde gedeutet.

Universitätsprofessor Dr. Wolfgang Drost
Universität Siegen, Fachbereich Romanistik

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Zwei Orientreisende

 

gautier und nerval

Théophile Gautier und Gérard de Nerval

In der kulturgeschichtlichen Schwellenzeit, im Frankreich des 19. Jahrhunderts, lernten sich beim Schulbesuch Gérard de Nerval und Théophile Gautier kennen, um als lebenslange Weggefährten gesellschaftliche Umbruchprozesse mitzugestalten und zu reflektieren. Sie waren beide Grenzgänger, die gegen das für unzeitgemäß gehaltene Fortbestehen eines klassischen Normensystems kämpften und versuchten, dem Zeitgeist eine eigene Werteskala entgegenzusetzen. Dabei beschritten sie neue Wege, suchten neue Lebensformen, erkundeten ihr Selbst und nahmen Entwicklungen der Gegenwart scheinbar vorweg. Das gilt auch für das Gebiet der Psychologie und Kunst.

Sofern die Kunst eine Vorbereiterin für Bewusstseinsentwicklungen und gesellschaftliche Themen der Menschheit ist und diese oft vorwegnimmt, sehen wir in Gautier und Nerval zwei herausragende Gestalten, die mit ihrem Leben und Werk Fragen aufwarfen, die erst heute ihre volle Brisanz entfalten. Denn auch nach zweihundert Jahren Aufklärung und moderner »Wissenschaftlichkeit«, löst sich das Bedürfnis nach Spiritualität, Religion und Ritualen im Menschen nicht auf, sondern scheint eher zuzunehmen. Mit der Suche nach ihrem wahren Selbst sind Nerval und Gautier hochaktuell, wenn nicht gar zukunftsweisend.

 

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